Poetik
Die Lehre von der Dichtung, ihrem Wesen und ihrer Wirkung ihren Erscheinungsweisen, ihren Form- und Gattungsgesetzen und ihren Gestaltungsmitteln. Als Theorie der Poesie ist sie Kernstück der Literaturwissenschaft und Teil der Ästhetik. Soweit sie die Darstellungsmittel der Poesie untersucht, berührt sie sich mit der Rhetorik und der Stilistik; soweit sie gültige Normen und Gesetze aufstellt, liefert sie die Grundlagen wertender Literaturkritik.

Die Poetik der Antike - die Poetik des Aristoteles und die Ars poetica des Horaz - war wesentlich gesetzgebend (normativ). Sie wurde durch spätrömische Rhetoren und Grammatiker (Quintilian, Donat) erweitert.
Der Höhepunkt der mittelalterlichen Poetik lag in Frankreich, wo im 12. und 13. Jahrhundert mehrere lateinische Lehrschriften entstanden (Matthieu de Vendôme) - neben diesen tauchten in der Provence (Trobadors), später in Italien (Dante) die ersten auf die Landessprachen bezogenen Poetiken auf.
Die Periode vom Renaissance-Humanismus bis zum Barock brachte die eigentliche Blütezeit der Poetik, die die in der antiken Dichtung verwirklichten, für normativ und zeitlos gültig angesehenen Verfahrensweisen und Gattungsgesetze der Dichtkunst darstellten, um damit Richtlinien sowohl für die Kritik als auch für die erlernbare Technik des Dichtens zu schaffen.
Diese Poetik - in lateinischer Sprache von vorwiegend italienischen Humanisten abgefaßt (Julius Caesar Scaliger, 1561; L. Castelvetro, 1570) - bestand im wesentlichen in einer Auslegung des Aristoteles, des Horaz und des Donat; ihre Gliederung und ihre Kategorien griffen schließlich auf die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in Italien (Torquato Tasso) und in Frankreich (Pièrre deRonsard, Joachim Du Bellay) entstehenden landessprachlichen und die damalige Literatur behandelnden Poetik über, während die spanische Poetik (Lope de Vega) sich unabhängig machte.
Dem Beispiel der Franzosen folgte Martin Opitz 1624 mit seinem Buch von der deutschen Poeterey, das in den folgenden Jahrzehnten bis zu Georg Philipp Harsdörffer, Philipp von Zesen und Daniel Georg Morhof eine Unzahl von Nachfolgern hervorrief. In diesen Poetiken gipfelte die deutsche Lehrbuch-Poetik mit dem ausschließlichen Zweck, Anweisung zur Anfertigung regelgerechter Dichtwerke zu geben.
Auf weit höherem Niveau faßten die Vers-Poetik Nicolas Boileau-Despréaux' (art poétique, 1674) und die Arbeiten John Drydens die Gesetze klassizistischer Dichtkunst zusammen.

Die Poetik der Aufklärung wurde im deutschen Sprachraum durch die zwar gegnerischen, aber in ihrer lehrhaft-rationalistische Grundhaltung verwandten Reform-Poetik Johann Christoph Gottscheds sowie die Arbeiten von Johann Christoph Bodmer und Johann Jakob Breitinger (Critische Dichtkunst) eröffnet. In England war Alexander Popes Essay on criticism (1711) vorangegangen, in Frankreich folgte Charles Batteux' einflußreiche Ästhetische Lehre von der Nachahmung (1746/47).
Mit Jean Baptiste Abbé Dubos und Denis Diderot in Frankreich, mit Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn und Christoph Friedrich Nicolai in Deutschland, mit Anthony Ashley Cooper - dem 3. Earl of Shaftesbury, genannt Lord Ashley - in England begann die Frage nach den irrationalen Kräften der Dichtung und nach ihrer Wirkung hervorzutreten. Aber erst der Geniebegriff des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die geschichtliche Auffassung der Dichtung durch Giambattista Vico und Johann Gottfried Herder bewirkten, daß die normativ-didaktische Poetik einer verstehenden und induktiven wich, die ihre Einsichten aus der Deutung der Dichtungen aller Zeiten gewinnt. Während die klassische Poetik (Karl Philipp Moritz, vor allem aber Johann Wolfgang von Goethes und Friedrich von Schillers Aufsätze und Briefwechsel) noch einmal zur Begründung der Gattungs- und Gestaltungsgesetze im normativen Sinne vordrang, löste die romantische Poetik (Friedrich Schlegels Athenäum-Fragmente, August Wilhelm Schlegels Berliner Vorlesungen) die Grenzen zwischen Gattungen und Künsten auf.
Die dichtungstheoretischen Bemühungen des 19. Jahrhunderts erwuchsen aus den vor allem ihr eigenes Schaffen betreffenden überlegungen einzelner Dichter (Franz Seraphicus Grillparzer, Friedrich Hebbel, Oto Ludwig, Giacomo Leopardi, Charles Baudelaire, étienne Mallarmé, Edgar Allen Poe); auch suchten sie (wie Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang von Goethe) die den Dichter bestimmenden geschichtlichen Kräfte als Gesetze zu erkennen (Hippolyte Taine: La race, Le milieu, Le moment; Wilhelm Scherer: Ererbtes, Erlebtes, Erlerntes). Wilhelm Dilthey sah in der Weltanschauung und im Geist der Zeit die bestimmenden Faktoren; daraus ergab sich eine völlige Historisierung der Poetik: die Gültigkeit überzeitlichen Formbegriffe (Gattungen) wurde geleugnet - Begriffe wie Problem und Gehalt rückten in den Mittelpunkt.

Das 20. Jahrhundert entwickelte besonders die dritte Möglichkeit der Poetik: das Wesen der Dichtung aus ihr selber zu bestimmen (Wesens-Poetik). Die drei herkömmliche Gebiete der Wesens-Poetik, Stilistik, Verslehre, Gattungslehre, wurden aus ihrer Isolierung befreit. Eine bedeutende Erweiterung erfuhr die moderne Poetik durch die vom französischen Symbolismus (étienne Mallarmé: Poésie pure) herkommende Theorie von Paul Valéry, die ihre Entsprechung in der »hermetischen« Poetik der Italiener fand (Guiseppe Ungaretti). Die Frage nach der Grundlegung der Wesens-Poetik suchte R. Ingarden von der Phänomenologie her zu beantworten - Lehre vom Schichtenaufbau des dichterischen Werkes. Emil Staiger bestimmte die »Grundbegriffe« des Lyrischen, Epischen und Dramatischen als Seinsweisen des Menschen aus den drei Modi der Zeitlichkeit. André Jolles, Wolfgang G. Müller u. a. suchten vom Gestaltbegriff her und z.T. in Erneuerung von Johann Wolfgang von Goethes Morphologie eine morphologische Poetik aufzubauen. Der New Criticism gründet seine Poetik auf die Sprache.

Im islamischen Orient beherrschten Die Geheimnisse der Beredsamkeit von Abdalqahir al-Dschurdschani (+ 1078) bis in die Gegenwart den Lehrbetrieb. Moderne Gesichtspunkte suchten erst Tata Husain, Zaki Mubarak u. a. in die Betrachtung der Poesie einzuführen. Die arabische Metrik wurde durch Chalil Ibn Ahmed (+ 791) begründet. Das klassische persische Lehrbuch der Poetik und Metrik ist der Mudscham des Schams-i Quais (um 1232/33). Auch in Indien ist die Poetik (Alankaraschastra) schon frühzeitig als besondere Wissenschaft gepflegt worden.
In China verfaßte Ende des 3. Jahrhunderts Lu Ki eine Abhandlung über Poetik in Reimprosa, die großen Einfluß ausübte. Nachhaltige normative Wirkung hatte das Wen Sin tiao-lung (6. Jahrhundert). Von der traditionellen Poetik wandte sich erst die umgangssprachlichen Dichtung im 20. Jahrhunderts ab.
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