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Lyrik - Poesie - PoetPoetik

 
Dichtung ...
 

... ist die Kunstart, die sich auf die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache gründet.
Gilgamesch, Weda und Psalmen sind die mir aus der Schulzeit bekannten rhythmisch und bildhaft gesteigerten Aussageweise religiös-mythischer Glaubensinhalte - das sind wohl die Wurzeln der Dichtung aus unvordenklichen Zeiten: 

Als Hymne und Gebet, mythisch-epischer Bericht, Preislied und Spruch ist Dichtung schon aus den ersten Anfängen menschlicher Kultur überliefert. Sie unterscheidet sich von der Prosa der Alltagssprache dadurch, daß sie »gebundene«, d.h. durch äußere und innere Formgebung gestaltete Rede ist. Sie verwendet als Kunstmittel Rhythmus, Metrum, Reim (Stabreim und Endreim), Strophenbildung (Strophe), Parallelismus der Satzglieder, kühne und freie Satzgestaltung, vor allem aber die versinnlichende und vergegenwärtigende Kraft symbolischer Aussageweise  - Umschreibung, Bild, Gleichnis, Metapher - und richtet sich stärker als die anderen Künste an den Menschen als geistig-seelisch-sinnliche Ganzheit.

Aus Begeisterungs- und Einbildungskraft entspringend, wendet sich die Dichtung an eben diese Fähigkeiten im Hörer oder Leser, um seine Seele zu ergreifen und zu verwandeln, so daß sie fähig wird, jener Lebens- und Welterfahrungen und -deutungen innezuwerden, die nur durch das Medium der Kunst angemessen ausgedrückt und übertragen werden können.

Der Sprache wohnen bereits von Natur überall Sinn- und Deutungsbezüge inne; ihre Klangfülle, ihr Reichtum an Bildern, Anschauungen, Vorstellungen, der in ihr und von ihr geschaffene Vorrat an geprägten Erkenntnissen strömt der Dichtung zu. In der Dichtung vollzieht sich der schöpferische Erneuerungs- und Wiederbelebungsprozeß der Sprache, wie denn erst die großen Dichter durch ihre sprachschöpferische Leistung jener Weltschau und Weltdeutung Wirklichkeit und Gültigkeit geben, die der Daseinserfahrung und -bewältigung der einzelnen Völker, Epochen und Kulturen eigentümlich ist.  Darüber hinaus gestaltet Dichtung auf ihren Höhepunkten Sinnbilder der ewigen Menschheitsfragen, die den Wandel der Zeiten und Kulturen überdauern.

Die Vielzahl dichterischer Aussageformen ist drei großen Grundgattungen, der Lyrik, der Epik (Epos) und dem Drama (Schauspiel) untergeordnet. Mit der Verweltlichung der Kulturen übernahm die Dichtung neue, wechselnde Funktionen und Formen, bezog auch die Prosa als Darstellungsforrn ein (spätantiker Prosaroman bis zu Roman und Erzählung der Moderne) und diente zunehmend auch der Unterhaltung und Zerstreuung. 

Damit trat schon früh - im breitesten Ausmaß jedoch erst in der Neuzeit - neben den Dichter im strengen Kunstsinn der Schriftsteller.

Dichtung kann ihrem Wesen nach bestimmt werden:

  • als Nachahmung (Mimesis), so schon bei Aristoteles, an den die Renaissance, das Barock und noch die Aufklärung (Gottsched) wieder anknüpfen. Dabei kann Nachahmung in zweifachem Sinne verstanden werden:
  • als realistische Abbildung der Wirklichkeit (Horaz Ars poetica, wobei Dichtung als der Malerei verwandt erscheint (ut pictura poesis); diese Auffassung kehrt noch im modernen Realismus und Naturalismus wieder, die von der Dichtung fordern, sie habe die Wirklichkeit in ihrer tatsächlichen Erscheinungsweise wiederzugeben;
  • als Nachahmung der wesenhaften Wirklichkeit (der Wahrheit) des Seins. Danach sind es nicht die äußeren, erscheinungsmäßigen Realitäten, sondern die ideellen (ethischen und metaphysischen) Ordnungen und Werte des Daseins, die sich in den symbolischen Schöpfungen der Dichtung darstellen. Diese Auffassung war von Aristoteles bis zu Goethe, den Romantikern und Hebbel die herrschende.
  • als Ausdruck innerer Erfahrungen und Erlebnisse (Ausdrucks- und Erlebnistheorie), als Bekenntnis des dichtenden Individuums (Goethes Bezeichnung seiner Dichtung als »große Konfession"). Diese Auffassung setzt sich besonders in Deutschland bei Herder, dem jungen Goethe und dem Sturm und Drang durch. Im 19. Jahrhundert wird sie in objektiverer Wendung durch Dilthey erneuert (Das Erlebnis und die Dichtung, 1905). Dichtung kann hier verstanden werden als Ausdruck eines Individuums, als Ausdruck des Geistes und Stils einer Epoche, schließlich als Ausdruck des Geistes einer Nation. Dieser Dichtungs-Auffassung entsprang die geistesgeschichtlichen Richtung der Literaturwissenschaft.
  • als Objektivierung und Versinnbildlichung bestimmter Grundformen der Welt- und Lebensdeutung, wobei sie eine der Philosophie verwandte Aufgabe erfüllt. Aus dieser von Hegel und Dilthey vertretenen Auffassung entwickelte sich die ideen- und problemgeschichtlichen Methode der Literaturbetrachtung (H. A. Korff, R. Unger).
  • in ausschließlich ästhetischen Sinne als zweckfreies Kunstgebilde. Danach ist nicht der seelisch-geistige Gehalt, sondern der künstlerische Gestaltcharakter der Dichtung, ihre sprachliche Form und ihr Stil, das Entscheidende. Dabei kann die äußere Form (Metrum, Wortwahl, Reim) von der inneren Form als künstlerisch adäquatem Gesamtausdruck des jeweils besonderen Gehalts unterschieden werden (französische Schule der Literaturkritik, E. Staiger, W. Kayser).
  • Eine weitere Richtung der Literaturbetrachtung geht von psychologischen Grundtypen der Dichter aus:
    • Dichter, die der Objektivität des Seins, sei es als ideeller Wesensgesetzlichkeit - Klassiker  -
    • oder als realer Tatsachenverknüpfung (Realisten, Naturalisten) zugewandt sind - Realisten, Naturalisten -
    • oder Dichter, die auf die Innerlichkeit, die Welt der Seele, des Traums, der Phantasie gerichtet sind - Romantiker -
    • ferner Dichter der gegenständlichen Bildhaftigkeit, Augendichter - Klassik
    • und Dichter des akustischen Reizes, des musikalischen Klanges, Ohrendichter - Romantiker -
    • sodann überwiegend intellektuelle Dichtertypen (Lessing) und überwiegend emotionale - Sturm und Drang, Romantiker, Expressionisten.

Die Bedeutung der Dichtung für das Leben, ihre Leistung für Individuum wie Gesellschaft, kann höchst verschiedenartig sein. Sie kann zweckgebunden, auf bestimmte Wirkungen ausgehen, etwa auf Belehrung durch Beschreibung der Wirklichkeit (Lukrez, B. H. Brockes) oder auf ethische und religiöse Erziehung und Einsicht (Reformationsdrama, Barocktragödie). Wo sie ausschließlich und unter Hintansetzung aller künstlerischen Vollkommenheit und Wirkung derartige Zwecke erstrebt, wird sie zur (moralischen, politischen, konfessionellen) Tendenzdichtung.

Auch wo Dichtung keine bestimmten außerkünstlerischen Zwecke verfolgt, zielt sie auf große leitbildhafte Norrnen und auf Verwandlung, Steigerung und Befreiung des Menschen. Gerade in ihren höchsten Erscheinungsformen beschreibt sie nicht einfach ein Sein oder erschafft autonome ästhetische Sprachgebilde, sondern sucht dem Menschen in jeweils bestimmten geschichtlichen Situationen durch Aufstellung großer leitbildhafter Normen eine gültige und verbindliche Antwort auf die Frage nach Sinn und Aufgabe des Lebens zu geben (so im germananischen Heldenlied, der nordischen Saga, dem höfischen Epos, der Barocktragödie, Corneille, der deutschen Klassik).

Aber selbst diese höchsten Leistungen der Dichtung verbinden sich mit Unterhaltung und Vergnügen, denn auf Grund ihrer Sinnenhaftigkeit ergreift sie unmittelbar den ganzen Menschen, indem sie alle seine Kräfte in wohltätig freie Bewegung setzt und aus den realen Bedingtheiten und Beschränkungen herauslöst. Allerdings kann sich die Aufgabe der Unterhaltung und Zerstreuung auch selbständig machen. Dichtung wird dann ohne eigentlichen Wertgehalt zum bloßen Mittel der Ablenkung und Betäubung, eine Entartung, die bei der Kitsch- und Schundliteratur endet (Haupt- und Staatsaktionen des 17. Jahrhunderts, Trivialroman des 18. Jahrhunderts, rührseliges Familienstück Kotzebues und Ifflands, sentimentale und sensationelle Reiz- und Pseudodichtung aller Gattungen).

Endlich bedarf es zum Wesensverständnis der Dichtung auch des soziologischen Gesichtspunktes, der Frage nach dem gesellschaftlichen Ort, an dem sie steht, und nach dem Publikum, für das sie jeweils bestimmt ist und das wiederum durch seine Art und seine Bedürfnisse den Charakter der Dichtung mitbestimmt.

Der Dichter kann Gesellschaftsschichten angehören, die als solche mit Dichtung gar nichts zu tun haben:

  • er kann Ritter (Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach),
  • Handwerker (Meistersinger),
  • Gelehrter (Humanismus und Barock),
  • Theologe und Pädagoge (Reformationszeitalter) sein,
  • oder aber er ist von Beruf Dichter (Klopstock, Hölderlin, Romantiker).

Dichtung kann übergreifende, für eine Gemeinschaft verbindliche Lebensnormen gestalten, vor allem Ausdruck einer Standesethik sein (Homer, Firdusi, germanisches Heldenlied, Ritterdichtung), oder sie kann die weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen einer Gemeinschaft oder einer Epoche ausdrücken (z.B. christliche Glaubensinhalte in der frühmittelalterlichen, reformatorischen und barocken Dichtung), oder sie erstrebt gültige Erkenntnis und Deutung des Seins - Lukrez, Brockes, beschreibende Dichtung der Aufklärung, Naturgedichte Goethes.

Der Gegentypus ist der Dichter als Originalgenie, als autonomer Schöpfer des poetischen Gehalts wie der diesem Gehalt entsprechenden Form. Als solcher wurde er vor allem von Herder und dem Sturm und Drang gefeiert. Diese Isolierung des sich selber Form und Gehalt erschaffenden Dichters (der Dichter als Schöpfer von Privatmythen) kennzeichnet die Entwicklung vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts in der Krise der Glaubens- und Vernunftwahrheiten. In diesen Zusammenhang gehört schließlich die von der Romantik, vor allem von J. Grimm, aufgestellte Unterscheidung der Volksdichtung von der Kunstdichtung, deren Wahrheitsgehalt darin besteht, daß z.B. im Volksepos (Homer, Nibelungenlied), im Volkslied und Volksbuch (Eulenspiegel, Schildbürger) die innere Art und Erfahrung einer Gemeinschaft, ob auch durch den Mund eines oder mehrerer einzelner, sich offenbart, wobei der meist anonyme Dichter zurücktritt und die Dichtung selbst vielfach im Flusse einer beständigen Um- und Weiterdichtung bleibt.

Dem steht, zumal in der neueren Zeit, Dichtung als bewußte Kunstleistung und als individueller Ausdruck einer geschichtlich bestimmten Einzelpersönlichkeit gegenüber.


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